© Verlag Torsten Low 2019
Holger Göttmann
Echo
Holger Göttmann ist eine rheinhessische Spätlese aus dem Jahr 1978 und hat
sein Studium in Amerikanistik an der Johannes Gutenberg-Universität in
Mainz abgeschlossen. Seine Magisterarbeit schrieb er dort über H.P. Lovecraft
und er arbeitet nun als Texter.
Im Laufe der Zeit hat sich die Legende der Loreley verändert. Am bekanntesten ist
folgende Version: Sie soll eine junge Frau gewesen sein, die aufgrund ihrer
Schönheit für eine Zauberin gehalten wurde. Aus Liebeskummer stürzte sie sich
von den Klippen. Nun soll sie auf den Klippen sitzen, sich ihr Haar bürsten und
eine schöne Melodie singen, so dass die vorbeifahrenden Fischer abgelenkt werden
und ihre Boote an den Felsen zerschellen.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Bei meiner ersten Schreiberinnerung war ich eines Abends allein zu Hause; damals war ich etwa 10 Jahre alt. Bei uns im
Wohnzimmer stand eine alte und überaus schwere Schreibmaschine, die ich noch bildlich vor mir sehe. Immer wieder
verhedderten sich die Typenhebel , wenn man zu schnell tippte. Das fand ich witzig und spielte gerne damit herum. Und
plötzlich spielte ich nicht nur, ich schrieb! Warum? Keine Ahnung mehr. Aber ich weiß, dass mich das Schreiben selbst
seitdem nie wieder losgelassen hat.
Einige Jahre später schickte ich sogar eine Kurzgeschichte an die „Lesergeschichte der Woche“ in den John-Sinclair-
Heftchen – eine Guilty Pleasure damals. Als der Text sogar angenommen und gedruckt wurde, war das ein Aha-Moment,
denn ich erkannte: Es gab wirklich Leute, die lesen wollten, was ich schrieb. Was gibt es Schöneres? Seitdem schreibe und
schreibe ich. In der Anfangszeit war das meist noch für mich. Dann für Freunde. Und später durfte ich freiberuflich in einem
Spieleverlag an der deutschen Cthulhu-Rollenspielreihe mitarbeiten und meine erste Arbeitsstelle als Texter war bei einer
größeren Spielefirma für Online-Games.
Immer mehr richteten sich meine Texte somit an die Öffentlichkeit und das ist auch der Kurs, den ich auch heute noch
fahre, denn ich will Menschen unterhalten, inspirieren und auch hin und wieder nachdenklich machen.
Als Leser: Roman oder Kurzgeschichten?
Mein Herz schlug schon immer für Kurzgeschichten. Mich zogen dabei besonders H.P. Lovecraft und E.A. Poe in ihren Bann.
Es gibt wohl kaum Schriftsteller, die einen stärkeren Einfluss auf mich hatten, als diese beiden. „Tell-Tale Heart“ ist einfach
eine der besten Geschichten, die ich je lesen durfte, und „The Colour out of Space“ hat mich in meiner Jugend mit seiner
verstörenden Atmosphäre und Aussichtslosigkeit tief beeindruckt. Das sind in meinen Augen Beispiele für die Glanzstunden
der Kurzgeschichte, in denen nichts an sie herankommt.
Allerdings habe ich auch schon immer Romane geliebt. Gerade im Fantasybereich wollte ich mich ungerne von
liebgewonnenen Figuren trennen . Auf mehreren hundert Seiten reist man einfach länger zusammen und kann sich besser
kennenlernen. Romane geben viel mehr Zeit für ihre Charaktere und deren Entwicklung. Das ist etwas, was mir persönlich
wichtig ist und woran ich viel Spaß finde. Das klappt in Romanen, aber natürlich nicht in diesem Umfang in
Kurzgeschichten.
Von daher: Darf ich antworten „beides – mit einer leichten Tendenz zur Kurzgeschichte“?
Und als Autor?
Auch hier würde ich mich nie auf eine Gangart limitieren wollen. Ich schreibe beides gerne und wähle die Länge je nach
Thema oder Genre. Nicht alles passt in eine Kurzgeschichte und nicht immer ist der Roman die angemessene Form. Zur
Veröffentlichung haben es bisher allerdings nur meine Kurzgeschichten geschafft.
Für reine Horror- oder Gruselgeschichten bevorzuge ich häufig Kurzgeschichten. Hier kann ich direkt zur Sache kommen
und einige meiner Themen lassen sich nicht auf mehrere Seiten strecken. Das wird sonst fad und langweilig. Für Fantasy
hingegen wähle ich gerne den Roman, denn da fällt es mir schwer, mich kurzzufassen. Schließlich will so eine Welt atmen
und sich entwickeln. Kurzgeschichten wären in diesem Fall undankbar und daher genieße ich im Fantasy-Bereich eher den
Freiraum und den Platz von Romanen.
Welche Genres liest du?
Ganz eindeutig die Phantastik – im weitesten Sinne. Dabei lese ich bevorzugt klassische Fantasy, Urban Fantasy und
natürlich Horror. Hin und wieder mogelt sich da aber auch mal Science-Fiction oder gar Steampunk drunter. Wenn etwas
eine interessante Idee und spannende Charaktere hat, ist mir das Genre meist relativ egal.
Und in welchen Genres schreibst du?
Meine Leidenschaft ist das Horrorgenre mit all seinen unterschiedlichen Spielarten. Besonders gerne vermische ich das
auch mit Fantasy, die in meinen Augen immer einen guten Schuss Grusel verträgt. Insgesamt kann man wohl sagen: Ich
schreibe, was ich auch selbst gerne lesen würde. Das ist in meinen Augen sowieso das beste Rezept zum Schreiben, denn
dann schreibt man mit seinem Herz.
Wieviele Kurzgeschichten hast du schon veröffentlicht?
Wenn diese Anthologie erschienen ist, sind es mit den „Geistern der Vergangenheit“ fünf Kurzgeschichten – ohne meine
Lesergeschichten vor etlichen Jahren in den John-Sinclair-Heftchen. Übrigens befindet sich eine weitere Kurzgeschichte für
eine andere Anthologie im Augenblick im Lektorat und dürfte auch bald veröffentlicht werden. Es ist also noch einiges in
Arbeit und ich nehme auch schon für die nächsten Ausschreibungen kreativen Anlauf.
Was hat dich an der Ausschreibung „Geister der Vergangenheit“ gereizt?
Mir gefiel die Idee mit den regionalen Geschichten, denn diese verdienen in meinen Augen deutlich mehr Aufmerksamkeit.
Als ich über ein Thema für die „Geister der Vergangenheit“ nachdachte, fielen mir zwar viele Geistergeschichten ein, aber
die meisten waren amerikanisch – oder irisch. Das verwunderte mich, denn wir haben hier in Deutschland wirklich
zahlreiche spannende Sagen und Legenden, die sich dafür eignen. Man muss sich nur ein wenig umsehen und auch in den
eigenen Alltag reinlauschen.
Glaubst du selbst an Geister und paranormale Ereignisse?
Als Agnostiker weiß ich, dass ich nichts weiß. Ich bin also grundsätzlich ein Zweifler, wobei das für jede Richtung gilt. Zwar
bezieht sich die Agnostik üblicherweise auf religiöse Einstellungen, allerdings würde ich das auch auf Geister oder
paranormale Ereignisse erweitern. Natürlich gibt es eindeutigen Humbug und vermutlich ist mein erster Impuls immer,
etwas als Humbug anzusehen. Trotzdem schließe ich nicht aus, dass unsere Wahrnehmung als Menschen einfach so
begrenzt ist, dass wir manches nicht erkennen , erklären oder verstehen können.
Das ist übrigens auch etwas, das ich gerne in meinen Geschichten thematisiere. Denn was ist Wahrheit? Was ist Realität?
Was ist der Mensch? Diese Fragen beschäftigen mich schon seit einer gefühlten Ewigkeit und ich bin bis heute zu keiner
zufriedenstellenden Antwort gekommen.
Wenn ja, hast du selbst schon etwas in der Art erlebt?
Bisher ist mir noch nichts dergleichen passiert.
Warst du schon mal am Loreley-Felsen?
Da ich in Mainz aufgewachsen bin, war ich als Kind mit meinen Eltern schon mehr als einmal dort und auch später in der
Schule gab es den ein oder anderen Ausflug dahin. Deswegen kann ich aus eigener Erfahrung jedem raten, der dorthin will:
Viel Spaß, aber unterschätzt nicht diese Treppen zur Loreley hoch! Die sind anstrengend! Ein kleiner Geheimtipp: Zur Not
fährt man einfach mit dem Auto hoch. Zumindest ging das noch, als ich das letzte Mal dort war.
Was fasziniert dich an der Loreley?
Vermutlich ist es der persönliche, regionale Bezug. Immerhin bin ich in der Nähe aufgewachsen. Als Kind glaubt man noch
mehr an diese Dinge und daher hat der Felsen und auch die Geschichte bis heute eine faszinierende Mystik auf mich. Als
Tagträumer, wie ich einer war, saugt man diese Motive natürlich in sich auf.
Was meinst du: Hat die Loreley tatsächlich dort oben auf dem Felsen gesessen?
Nicht so, wie es geschrieben steht. Nach allem, was ich weiß, handelt es sich bei der Loreley um eine Kunstsage von
Clemens Brentano. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass alles einen wahren Kern hat. Dieser ist aber meist weitaus
weniger phantastisch als man denkt.
Vielleicht gab es Lichtspiegelungen zu bestimmten Tageszeiten, die den Eindruck einer Person oben auf dem Felsen
vermittelten. Oder es war eine Ausrede von trunkenen Steuermännern, die damit kaschieren wollten, dass sie mal wieder
ein Loch in den Kahn gefahren haben.
Allerdings wäre ich sehr erstaunt, wenn dort oben nicht mal jemand gestanden und über den Rhein geschaut hat. Denn die
Aussicht ist wirklich toll. Ich finde es also durchaus wahrscheinlich, wenn die eine oder andere Frau dort oben gestanden
hat und dadurch zu einer Loreley wurde – wie in meiner Geschichte.
Vielen Dank für das Interview!
Herausgeberin
Sarina Wood
als Teenagerin
vor dem
berühmten
Loreleyfelsen
(Bildrechte
liegen bei
Sarina Wood)
Die
Bilderrechte
liegen bei
Holger
Göttmann.