© Verlag Torsten Low 2019
Heike Schrapper
Die Last
Heike Schrapper aus Hemer im Sauerland schreibt Kurzgeschichten von
Trash bis Tiefsinn, übersetzt, korrigiert und lektoriert gelegentlich und ist
gern auf Veranstaltungen der deutschen Fantastik-Szene unterwegs.
Die Legende des Grenzsteinversetzers gibt es in vielen Gegenden von Deutschland. In dieser Geschichte geht es um einen
speziellen Geist, der in Hemer umhergehen soll. Es handelt sich um den Geist eines Bauern, der auf illegale Weise seinen
Grundbesitz vergrößert hatte, indem er nachts den Grenzstein ausgrub und diesen um ein paar Meter aufs
Nachbargrundstück versetzte. Nach seinem Tod musste er nun mit dem schweren Grenzstein auf dem Rücken auf dem Feld
herumirren und versuchen, den ursprünglichen Standort wiederzufinden. Wer vorbeikam, hörte den Geist rufen: „Wo soll ich
ihn lassen?“ Der Sage nach kann so eine verfluchte Seele erst erlöst werden, wenn ein Mutiger auf diese Frage antwortet:
„Da, wo du ihn hergenommen hast.“
In der Realität hat zum Glück niemand an dieser Stelle ein Haus gebaut.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
1996 gab es einen Literaturwettbewerb der „Kulturinitiative Iserlohn“. Ich war damals Studentin, hatte ungefähr eine
Stunde Fahrtzeit bis zur Uni in Dortmund und keine Musik im Auto. Da habe ich mir auf der Autobahn manchmal Gedichte
ausgedacht, von denen ich einige eingeschickt habe. Ich glaube, es gab keine fest definierte Reihenfolge, sondern es
wurden einfach acht Preisträger/innen ausgesucht. Wir durften dann unsere Texte öffentlich vorlesen und gewannen dazu
noch die Teilnahme an einem Schreib-Workshop und ein Essen. Die Texte wurden als Anthologie „Lesezeichen“ gedruckt
und bei der Lesung gratis verteilt. Ein Gedicht hieß „Die Willkür des Monarchen“ und ging so:
Nur weil es ihm so gefiel,
verfügte der Fischkönig (ziemlich senil),
die Fische hätten sich umzubenennen
und von ihren Anfangsbuchstaben zu trennen.
Der Hecht, zum Beispiel, wurd zum „Echt“
(und fand den Namen gar nicht schlecht).
Völlig begeistert war die Brasse:
Sie nannte fürderhin sich „Rasse“.
Der Aal, welcher zum „Al“ geworden,
hatte auch nicht viel verloren.
Wirklich frustriert, so war zu lesen,
sei wohl nur der Barsch gewesen.
Irgendwann habe ich dann auch Geschichten geschrieben, allerdings nicht sehr häufig. Die Initialzündung zu der Art von
Geschichten, wie ich sie heute schreibe, kam 2013 mit der Ausschreibung zur Anthologie „Krieger“ im Verlag Torsten Low.
Mein Freund Tom Daut hatte seine Geschichte „Das Schwert der Ehre“ ins Rennen geschickt, und auf der Rückfahrt vom
FeenCon in Bonn habe ich ihm von meiner Idee zu „Gotteskrieger“ erzählt. Eigentlich hatte ich es eher theoretisch
gemeint („Wenn ich dazu was schreiben würde, wäre das …“), aber Tom sagte: „Schreib das!“ Ich glaube, es waren noch
zwei Tage bis Einsendeschluss. Weil wir gerade umgezogen waren und noch kein Internet hatten, habe ich
„Gotteskrieger“ am letztmöglichen Termin aus dem Biergarten einer Hemeraner Kneipe abgeschickt. Tatsächlich wurden
unsere Geschichten beide in die Antho aufgenommen. Wir haben nie wieder eine Veröffentlichung so gefeiert wie diese.
Als Leser: Roman oder Kurzgeschichten?
Inzwischen beides. Früher allerdings fast nur Roman. Kurzgeschichten habe ich erst lieben gelernt, seit ich selber welche
schreibe. Ich mag vor allem britische Autoren, z.B. Danny King, Ben Elton, Charles Higson … aber auch Oscar Wilde.
Und als Autor?
Kurzgeschichten. „In mir ist kein Roman“ ist mein Standardsatz. Mir ist noch nie eine Idee gekommen, von der ich das
Gefühl hatte, dass man sie nicht auf ein paar Seiten unterbringen kann. Momentan arbeite ich am ersten „eigenen“ Buch,
das natürlich auch nur Kurzgeschichten enthalten wird.
Welche Genres liest du?
Gern Horror, Grusel, Thriller … aber ich bin da nicht so festgelegt. Wenn mich die Geschichte packt, ist das Genre egal.
Und in welchen Genres schreibst du?
Meist fantastische, unheimliche Geschichten, die aber einen Bezug zur Realität haben. Womöglich kann man das als
Urban Fantasy bezeichnen. Oft mit etwas fiesem Humor – oder auch etwas mehr.
Wie viele Kurzgeschichten hast du schon veröffentlicht?
Ungefähr 15, in verschiedenen Anthologien.
Was hat dich an der Ausschreibung „Geister der Vergangenheit“ gereizt?
Grundsätzlich mag ich an Ausschreibungen den „Schreibaufgaben“-Charakter: ein vorgegebenes Thema mit der
Herausforderung, eine originelle Idee zu entwickeln – und daraus noch eine gute Geschichte zu machen. Natürlich
gefallen mir manche Themen besser als andere, aber das hat seltsamerweise gar nichts damit zu tun, ob mir dann auch
eine passende Idee kommt. Es gab Ausschreibungen mit super Themen, bei denen ich extrem gerne mitgemacht hätte,
aber es wollte sich absolut keine brauchbare Idee zeigen. Und dann gab es welche, wo ich mit dem Thema eigentlich gar
nichts anfangen konnte, aber aus irgendeinem Grund war sofort eine Idee da. Das passierte zum Beispiel bei den
„Phantastischen Sportlern“. Es gibt wahrscheinlich nichts, was mich weniger interessiert als Sport. Trotzdem hatte ich
praktisch sofort die Geschichte. „Geister der Vergangenheit“ gehört zu denen, wo ich das Thema extrem reizvoll fand und
zum Glück auch schnell eine Idee hatte. Ich habe das Buch „Drachen, Gräber, Zwergengold – Sauerländer Gruselsagen
Band 3: Hemer“ von Wolfgang Hänisch. Das ist ein Sachbuch, in dem es nicht darum geht, die Sagen möglichst spannend
zu erzählen oder gar auszuschmücken, sondern eher um ihre Ursprünge und Verortung. Aus irgendeinem Grund hat mich
am meisten die Sage vom „Fuorenhöpper“ („Furchenhüpfer“) fasziniert, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Friedrich
Leopold Woeste aufgezeichnet wurde, der als Heimatforscher viele Sagen gesammelt hat.
Glaubst du selbst an Geister und paranormale Ereignisse?
Ganz unromantisch: nein.
Glaubst du, dass ein Bauer, der einen Grenzstein versetzt, so eine Strafe verdient hat?
Ebenfalls ein klares Nein. (Ich hoffe, das kann man in der Geschichte zwischen den Zeilen lesen.) Auch wenn man sagen
könnte, dass der Bauer in „Die Last“ noch vergleichsweise glimpflich davongekommen ist ... Angeblich ging dieser
spezielle Geist in meiner Heimatstadt Hemer in der Nähe des Stadtteils Landhausen um. Bei den Recherchen habe ich
allerdings herausgefunden, dass der Grenzsteinversetzer ein sehr verbreiteter Spuk ist. So soll auch die Gestalt des
„kopflosen Reiters“ ursprünglich auf diesen zurückgehen, und der reale Hintergrund dazu ist noch viel gruseliger: Bei
einem uralten Hinrichtungszeremoniell durfte der Geschädigte den Betrüger bis zum Hals an der Stelle, an der sich der
Grenzstein ursprünglich befunden hatte, eingraben und den Pflug so oft über den Übeltäter lenken, bis von dessen Kopf
nichts mehr übrigblieb. Nach seinem Tod musste der Kopflose dann in der Nacht umgehen, wobei er die Lebenden durch
seine erschreckende Erscheinung davon abhielt, ebenfalls eine Todsünde zu begehen.
Du warst bei Sonnenschein an der Stelle, wo der Grenzsteinversetzer spuken soll. Würdest du auch mal in
der Nacht dorthin gehen?
Ja, klar. Am liebsten zu einer Halloweenlesung.
Hattest du einen besonderen Eindruck von diesem Ort oder war es wie überall sonst?
Nein, ich bin wohl kein gutes Medium …
Vielen Dank für das Interview!
Leider haben wir keine YouTube-Videos zu dieser Geisterlegende gefunden.