© Verlag Torsten Low 2019
Nele Sickel
Die wilde Jagd
Nele Sickel, Jahrgang 1990, Exilberlinerin, lebt und schreibt in Braunschweig.
Zu ihren literarischen Vorlieben zählen skurrile Figuren, Raumschiffe und
prägnante Enden. Ihre Texte erscheinen regelmäßig in Anthologien und
Zeitschriften.
Die Sage um den Wilden Jäger geht auf Hanns von Hackelberg zurück. Er
träumte in der Nacht vor einer Jagd, dass er von einem starken Keiler
angegriffen und verletzt wurde. Alle, denen er es am folgenden Tag erzählte,
warnten ihn davor, auf die Jagd zu gehen. Er missachtete die Warnungen und
ging zur Jagd. Ein starker aber verletzter Keiler griff ihn an. Der Sage nach
richtete die Armbrust nichts aus. Es gelang Hackelberg dennoch, den Keiler zu
erlegen, doch er sollte ihm dennoch zum Verhängnis werden. Der Keiler soll
ihm kurz vor seinem Tod mit seinen Hauern verletzt haben. Eine andere
Variante besagt, dass Hackenberg bei dem Fest am Abend er angab, den Kopf
des Keilers nach oben hielt und spach: „Nun hast du mir doch nichts anhaben
können.“ Anschließend entglitt ihm der Kopf und dessen Hauer verletzten ihn
am Bein.
Hackenberg gab in beiden Versionen der anscheinend kleinen Verletzung keine
große Bedeutung. Doch die Wunde entzündete sich und er starb schließlich an
dieser Verletzung. Im Sterben verfluchte er sich selbst, da er auch im Tod
nicht auf die Jagd verzichten wollte. Nun jagd er bei Sturm mit seinem Ross
und seinen Hunden im Harz. Manchen Legenden nach ist er einer der
begleitenden Reiter der Wilden Jagd.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Eines Nachts erschien mir eine unheimliche gehörnte Gestalt und bot mir eine magische Tastatur im Tausch
gegen meine Seele an … Nein, im Ernst: Wie wohl die meisten Autoren hat mich das Schreiben schon von klein
auf begleitet. An eine Zeit ohne Geschichten im Kopf und auf dem Papier kann ich mich ehrlich nicht erinnern.
Als Leser: Roman oder Kurzgeschichten?
Beides. Romane im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Kurzgeschichten, Märchen und Sagen vor dem Schlafengehen.
Und als Autor?
Wieder beides. Ich habe mich lange Zeit ganz auf Kurzgeschichten konzentriert, in allen Genres gewildert und
viel ausprobiert. Aber die Stimmen in meinem Kopf (Wie heißen die noch gleich? Musen?) drängen mich
inzwischen immer lauter, endlich auch meine längeren Ideen umzusetzen. Wer bin ich, da nein zu sagen? Den
Kurzgeschichten werde ich deshalb allerdings sicher nicht gänzlich untreu werden.
Welche Genres liest du?
Science Fiction. Ganz klar. Seit ich als Kind zum ersten Mal Star Trek gesehen habe, stehe ich auf Raumschiffe
und unentdeckte Welten.
Und in welchen Genres schreibst du?
In meinen Kurzgeschichten? Alles. Selbst wenn es bei drei auf dem Baum ist. Ich probiere mich einfach gern aus.
In meinen längeren Projekten bewege ich mich irgendwo zwischen Science Fiction und Märchen. Auf
unentdecktem Gebiet – hoffentlich.
Was hat dich an der Ausschreibung „Geister der Vergangenheit“ gereizt?
Als die Geister ausgeschrieben wurden, war ich gerade in meine derzeitige Heimat Braunschweig gezogen. Ich
entdecke neue Orte ohnehin gern durch ihre Sagenwelt. Was wäre da naheliegender, als die Sagen, die ich dabei
gefunden habe, direkt in eine Geschichte fließen zu lassen?
Glaubst du selbst an Geister und paranormale Ereignisse?
Ich würde gern. Und manchmal ist meine Autosuggestion so gut, dass es mir fast gelingt. Seien wir ehrlich, die
Welt ist viel aufregender mit Kobolden, Drachen und Geistern!
Deine Geschichte spielt bei einem Live Action Role Playing (kurz: LARP). Hast du bei so etwas schon
mitgemacht?
Leider noch nicht. Aber so gut wie jede andere Art des Phantastik-Rollenspiels habe ich schon ausprobiert –
sowohl im Internet als auch analog mit Würfeln, Stift und Papier.
Was ist der Reiz daran?
Rollenspielen fühlt sich an, als könne man in die Haut seiner Lieblingsromanfigur schlüpfen und ihre Geschicke
lenken. Man fiebert mit und weiß, jede andere Figur innerhalb der Welt ist genauso „echt“ und verfolgt ihre ganz
eigenen Ziele. Das ist einfach nur toll.
Wie würdest du reagieren, wenn dir der Jäger begegnen würde?
Ich hätte ja den Vorteil, dass ich die Sage kenne und weiß: Der tut nichts, der will nur spielen. Tatsächlich habe
ich keine Versionen der Geschichte gefunden, in der der wilde Jäger jemanden verletzt hätte. Meistens schleppt
er die Leute durch den Wald und setzt sie dann irgendwo wieder ab. Nachdem ich also fertig damit wäre, die
Erscheinung mit offenem Mund blöde anzustarren, würde ich sichergehen, dass mein Handy gut verstaut ist,
damit ich nicht verloren gehe, und danach den Geschwindigkeitsrausch genießen.
Was würdest du tun, wenn dir ein Geist begegnen würde?
Ein anderer Geist? Wenn er nicht gerade zähnefletschend oder messerschwingend auf mich zurast, würde ich
mein Shirt glattziehen, hingehen und den friedlichen Erstkontakt herstellen. Was sonst?
Vielen Dank für das Interview!